Heikvaldo: Tango-Argentino - Erfahrungen

Heikvaldo: Sind (Tanz-)Pausen langweilig?

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Aufgrund von aktuellen Diskus­sionen innerhalb meines "TA-Zirkels" zum Thema "Pausen im TA" (also das mehr oder weniger bewegungslose Verhaaren auf der Tanzfläche), möchte ich euch die folgende Ausführung nicht vorent­halten:

 

Der Tango ist wohl der einzige Tanz, in dem die Nichtbe­wegung Teil des Tanzes ist. Der Moment, an dem das Paar scheinbar stillsteht. In den Worten des milonguero Gerardo Portalea: "Hay que bailar los silencios. Hay que bailar los violines. Aunque no existan." (Man muss die Stille tanzen. Und die Violinen. Auch wenn es sie nicht gibt.) Die Entdeckung der Pause ist ein wichtiger Aspekt der Dynamik. Bis ich die Pause im Tango entdeckte, war Tanz für mich immer Bewegung. Ich bewegte mich rhythmisch, schwungvoll zum Takt, schnell oder langsam. Doch immer war ich in Bewegung. Jeden Stopp im Tango empfand ich anfangs als ein Nicht-Tanzen. Jede Figur erriet ich mit Leichtigkeit und war schon weg, bevor mein Partner mich durch seine Führung ausdrücklich darum bitten konnte. Ich war leichtfüßig und geschmeidig, anmutig und kreativ, wenn es darum ging, Bewegung zu entdecken.

Dann, eines Tages, stand das Paar plötzlich still. Ricardo und ich, mitten in einer Bewegung. Es war eine andere Stille als bisher. Kein Stoppen, sondern ein in sich schwin­gendes inneres Bewegen. Ein Verhalten in Erwartung.

Ist ein Paar in Bewegung, so liegt die hauptsächliche Aufmerk­samkeit im Beinbereich. Dies wird besonders auffällig bei hohem Tempo der Bewegungs­abläufe. In der Stille jedoch sind die Beine plötzlich stumm. Dies hat zur Folge, dass alle Aufmerk­samkeit in die Oberkörper wandert und damit die Bedeutung der engen Umarmung wächst. Dies ist der Moment höchster Spannung, auch weil jetzt nichts mehr ablenken kann von dem, was wirklich ist. Die Pause ist "die Sekunde der Wahrheit". Während man in der Bewegung so alles mögliche "weghampeln" kann, muss man beim Tanzen der Pausen wirklich alles mögliche "aushalten" können.

Nicht jeder Tangotänzer tanzt die Pause. Pausen zu tanzen ist nicht nur eine Frage des Könnens, sondern auch eine Frage des Stils und sicherlich auch eine Tempera­mentsache. Pausen tanzen ist ein Hochtreiben der Spannung. Ein Deckel, der verhindert, dass der Dampf dem kochenden Topf entweichen kann. Ein Zurück­halten und Verweigern der Entladung.

Die Könner und Genießer wissen, dass sie im Tango möglichst wenig Spannung entladen dürfen, um in den höchsten Genuss zu kommen. Ein guter und erfahrener Tangotänzer tanzt maximal die Hälfte dessen, was ihn bewegt. Niemals alles. Diese Zurück­haltung bewirkt, dass der Tänzer die eigene Spannung nicht verliert, sondern sie potenziert. Es ist ein ständiges Gegenhalten und Innehalten, ein "noch nicht" oder "nicht jetzt". Ein Verhalten, das den Tango nährt.

Man kann sich Pausen nehmen voneinander und füreinander. Sie entstehen wie der Wunsch für ein wenig mehr Zeit. Zeitlos und genussvoll. Der Tanz verzögert sich, langsam oder abrupt, bis er zum Stillstand kommt. Die Pause verbindet das Paar. Bereitet es vor. Ein Körper mit 4 Beinen, der wie aus einer Seele tanzen wird. Während der Pause fließt die Musik weiter. Der Rhythmus zieht vorbei und pulsiert dennoch. Man muss ihn ziehen lassen können - bis der Moment gekommen ist für den gemeinsamen Schritt.

Zitiert aus: TANGO Dimensionen von Nicole Nau-Klapwijk (Verlag Kastell)

 

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