Heikvaldo: Tango-Argentino - Erfahrungen

Heikvaldo: Musik oder Bewegung?

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Da stehe ich also etwas frustriert in der Tanzstunde. Irgendwie geht es gerade nicht ganz so gut vorwärts wie gewünscht (soll ich schon von einer Tangokrise sprechen?). Vielleicht auch noch ein bisschen müde vor Vortag. Irgendwie ist heute nicht mein "Tangotag". Aber gut, die Tanzpartnerin wartet.

 

Ich frage nach der Möglichkeit der "Übergänge" von Ochos. Wie kriege ich die Frau so um mich herum (im Klartext: Vorwärtsochos und Seitwärts­schritte oder  Rückwärtsochos und Seitwärts­schritte im Wechsel)? Ich habe das schon oft gesehen aber bisher noch nicht so ganz verstanden. Also wird noch einmal kurz vorgezeigt und dann üben wir es nach.

 

Ich blicke zu Boden, um genau zu sehen was Frau da macht. Klar, soll so nicht sein. Aber ich bin ja am Üben. Also erlaube ich mir das jetzt einmal. Die Musik? Ach ja, die gibt es ja auch noch. Aber die ignoriere ich jetzt auch. Ich bin voll und ganz auf "Schritte" fixiert. Wie gesagt, es ist Übungs­stunde, nicht Milonga. Und nach jedem Schritt der Frau mache ich eine kleine Denkpause und überlege mir die folgenden Möglich­keiten.

 

So, aus dem Vorwärtsocho kann sie jetzt nach da, da oder da. Für gewöhnlich führe ich in den nächsten Vorwärtsocho oder ich "sammel" sie wieder ein und dann beginnt etwas Neues. Also überlege ich mir mal eine neue Möglichkeit. Die, die ich sonst nie führe (in diesem Fall ein Seitwärts­schritt). Wie gesagt, ich bin heute voll in "Schrittlaune". Nichts was ich da mache passt zur Musik. Und die Haltung? Mein Blick ist stur auf den Boden gerichtet. Ich beobachte ihre Schritte.

 

Natürlich missfällt das der Tanzlehrerin. Also gut. Wäre doch gelacht, wenn ich das nicht auch mit Blick geradeaus hin bekomme. Ich konzen­triere mich also auf das "Fühlen" ihrer Schritte. Wo hat sie jetzt welches Bein und welches ist ihr Standbein (netterweise "zeigt" mir die Tanzpartnerin genau an wie sie gerade steht). Klar, das kriege ich mittlerweile hin. Also Blick schön gerade. Aber ich muss mich trotzdem immer noch ziemlich auf die Frau konzen­trieren. Weniger auf die Musik. Ist mir aber immer noch egal.

 

Nach ein paar Mal bekomme ich es schon ganz gut hin. Ich spüre wie die Frau steht und was als nächstes möglich ist. Und ich versuche immer das zu führen, was ich normalerweise nicht führen würde. Also sozusagen immer die dritte Möglichkeit (und da meine Tanzpartnerin diese Möglichkeit bisher noch nicht gewohnt ist, muss ich auch ganz "sauber" mit dem Oberkörper "führen"). Ja, das klappt jetzt ganz gut. Und irgendwann bin ich soweit, wieder auf die Musik zu hören. Jetzt bewege ich mich auch wieder im Takt der Musik. Es wird immer besser. Jetzt wird es langsam wieder Tango.

 

Gegen Ende der Stunde merke ich, dass ich irgendwie überhaupt nicht viel nach vorne gelaufen bin. Heute habe ich fast eine Stunde lang auf der Stelle eine Drehbe­wegung nach der anderen geführt. Und wie findet es die Tanzpartnerin? Gut! Ich soll ruhig noch langsamer tanzen. Das gibt ihr Zeit für Verzie­rungen. Und sie hat Zeit alle ihre Schritte sauber auszuführen. Und wir besprechen noch die "Kleinig­keiten". Mehr mit dem Oberkörper hier, weniger mit den Armen da ...

 

Am Ende der Stunde habe ich die Erkenntnis, dass es eine sehr gute Unterrichts­einheit war. Es hat mir etwas gebracht. Ich habe wieder etwas Wichtiges für mich gelernt. Und ich erinnere mich an die vielen Tanzpaare die ich so oft auf Milongas sehe. Die da so "verzweifelt" stehen und mit "Gewalt" die Frau um sich herum gehen lassen wollen. Die Schritte passen nicht zur Musik. Aber es wird auf "Teufel komm raus" geführt. Egal, ob sie "will" und er "kann".

 

Und was ist jetzt meine Lehre für heute? Die Schritte (Führung) habe ich jetzt verstanden. Und ich fange an, das alles wieder mit der Musik im Einklang zu bringen. Aber ... bevor ich das auf der nächsten Milonga tanzen werde, fehlt mir noch die Übung.

 

Deshalb stehe ich gerade vor der Wahl: Musik oder Bewegung? Will ich "schön" zur Musik tanzen oder will ich "schön" die Schritte führen? Beides gleich­zeitig habe ich noch nicht drauf. Also wird das erst noch geübt. Aber mancher ist anscheinend damit zufrieden, die Schritte "schön" zu führen. Ob es zur Musik passt ist für ihn Nebensache. Und das sehe ich dann sicher wieder bei einigen auf der nächsten Milonga. Und am verzerrten Gesichts­ausdruck der Tänzer sehe ich dann auch wieder, wie viel "Spaß" sie gerade beim "Tanzen" haben.

 

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