Heikvaldo: Tango-Argentino - Erfahrungen

Heikvaldo: Soll ich ihm (ihr) die Wahrheit sagen?

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Spannendes Thema. Denn hier bewegen wir uns auf sehr heiklem Terrain. Worum geht es?

 

Meine Einstellung zum Thema Feedback habe ich ja bereits beschrieben. Ich bin ein absoluter Freund von Feedback. Auch (oder gerade) wenn es sich um Kritik handelt. Sie hilft mir, besser werden zu KÖNNEN. Natürlich passiert da nichts von alleine. Ich muss mitarbeiten (naja, eigentlich habe ich die ganze Arbeit alleine damit). Aber die Kritik liefert mir den Anstoß dazu.

 

Im Gespräch mit anderen TänzerInnen bekomme ich (wie wohl jeder von uns) auch ab und zu Infos zu anderen TänzerInnen (ist hier das Aufkommen an Informa­ti­ons­aus­tausch unter den Frauen wirklich viel, viel größer als bei uns Männern???) Da erfahre ich dann, wer ein "Knochen­brecher" ist. Bei welchem Mann "Vergewal­ti­gungstango" gelernt werden kann. Wer ein "Wohlfühl-Mann" ist. Welche Frau sich wie ein Stein bewegt. Welche Frau das Rhythmus­gefühl eines Baumstammes hat.

 

Und wenn ich dann den/die Betroffenen auch kenne und somit etwas einschätzen kann, ob er/sie das bewusst tut, da kommt mir die als Überschrift formulierte Frage in den Sinn: Soll ich (also als der jeweilige Tanzpartner - nicht als der Freund/Bekannte) es ihm oder ihr sagen? Sagen, dass er sanfter mit mir als Frau umgehen soll? Sagen, dass ich es lieber sehen würde, wenn sie bestimmte Dinge nicht mehr tut?

 

Mich hat eine Sache sehr zum Nachdenken angeregt. Eine Frau nannte einen meiner Bekannten einen "Knochen­brecher". Er würde absolut "hart" führen. Kein Gefühl für die Frau in seinem Arm. Besagter Mann ist ein Tänzer, der viel übt, sich also Mühe gibt. "Behandelt" er die Frauen beim TA absichtlich so? Wohl kaum. Ich denke, wir können keinem Tänzer oder Tänzerin unterstellen, absichtlich etwas zu tun, was dem anderen "schadet". Da sind wir uns hoffentlich einig. Einen "Vorsatz" möchte ich also niemandem unterstellen.

 

Manche Frauen meiden also diesen Mann. Wird er sich irgendwann ändern? Ein "sanfterer" Mensch werden? Ich glaube nicht. Er weiß ja gar nichts davon. Oder zumindest vermute ich das, sonst würde er sich ja vermutlich ändern. Mein Verhalten als Tanzpartner (Schweigen ihm gegenüber) wird also nichts dazu beitragen, dass es in Zukunft besser wird (oder zumindest werden kann).

 

Ich pflege mit meiner Tanzpart­ne­rinnen (jetzt einmal abgesehen von den Frauen, mit denen ich "nur" auf einer Milonga tanze und die ich sonst nicht weiter kenne) jeweils einen ziemlichen offenen Umgang. Wir kennen uns also entweder von Tanzstunden, Practicas oder haben zumindest schon des Öfteren zusammen getanzt. Man "kennt" sich also. Was also tun, wenn ich irgend­welche "Fehler" entdecke? Ich sage es ihr. Natürlich nicht als Vorwurf. Aber ich spreche das Thema einfach offen an und wir reden darüber.

 

"Kann es sein, dass du beim Gehen immer etwas nachts rechts ziehst?". Vermutlich wird sie antworten: "Wirklich? Ist mir noch nicht aufgefallen. Ich werde 'mal darauf achten". Und schon besteht die Möglichkeit, dass sich an der Situation in Zukunft etwas ändern kann. Habe ich jemandem geschadet? Wohl kaum. Es war ja kein Vorwurf. Trotzdem habe ich die Sache angesprochen. Ich habe sie darauf hingewiesen.

 

An dieser Stelle ein kleiner Rat an Frauen: wir Männer brauchen das meist etwas klarer formuliert. Also etwa: "Du ziehst beim Laufen nach rechts". Das ist konkret. Damit können wir etwas anfangen. Männer haben eine andere Art von Hör-Auffassung als Frauen. Wir hören das, was ihr sagt. Nicht das, was ihr damit sagen wollt :-). Auf die Frage: "Kann es sein, dass ..." wird ein Mann für gewöhnlich denken "Kann schon sein!" Aber er interpretiert es nicht als Hinweis an ihn selbst.

 

Aber zurück zur eigent­lichen Frage. Wie soll ich damit umgehen? Soll ich? Darf ich? Nun, warum öffnen wir denn nicht die Türe zum Partner. "Habe ich zu fest geführt?". "Soll ich lieber kleinere Schritte machen?". Damit signali­sieren wir die Bereit­schaft für Feedback. Auch wenn dann nichts zurück­kommen sollte, so haben wir jetzt die direkte Möglichkeit, dem Tanzpartner unsererseits ein bisschen Feedback zu geben.

 

Wird es/sie es falsch verstehen und beleidigt sein? Nur für den Fall, die Antwort lautet "ja" (ich persönlich glaube aber, das wird in den seltensten Fällen der Fall sein. Der Punkt ist ja, wie ich es sage). Was wird die Folge sein? Er/sie wird nicht mehr mit euch tanzen, wird euch meiden. Aber das wäre sowieso passiert (siehe oben). Auch, wenn ihr gar nichts gesagt hättet. Aber so habt ihr die Möglichkeit geschaffen, dass er/sie auch weiterhin mit euch tanzt (oder ihr mit ihm/ihr).

 

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