Heikvaldo: Tango-Argentino - Erfahrungen

Heikvaldo: Anfängerpech

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Im letzten Post habe ich meine "magischen Momente" vermisst. Gestern Abend war ich wie gewöhnlich zu früh in der Tangoschule und hatte Gelegenheit, den Anfängerkurs zu beobachten. Gab es für die anwesenden Tanzpaare magische Momente? Wohl kaum. Nicht weil sie Anfänger sind. Aber es ist wohl wie bei allen Anfängern - zumindest bei uns: jeder konzen­triert sich auf die Schritte. Base mit Kreuz. Volle Konzen­tration. Bei einigen klappt es eher besser, bei anderen eher schlechter.

 

Aber kein einziges Tanzpaar lauscht auf die Musik. Oder gar auf den Partner. Ja, es ist eine Tanzstunde, keine Milonga. Aber werden die Tanzpaare, wenn sie erst einmal auf einer Milonga sind, die Fähigkeit haben, sich überhaupt von den Schritten zu lösen und sich stattdessen mehr (oder überhaupt) auf die Musik und ihren Tanzpartner zu konzen­trieren? Sie haben es ja nicht gelernt. Niemand hat es ihnen beigebracht.

 

Ist das jetzt ein typisch deutsches Phänomen? Angeblich wird in Argentinien anders unterrichtet. Dort geht es ewig lange um die Umarmung selbst, dann das Laufen. Es muss wohl endlos dauern, bis jemand auf die Idee kommt, einen Ocho oder das "Kreuz" zu lehren. Ich kenne bisher nur Unterricht in Deutschland. Hier zählen Drehungen. Ochos in der 2. Stunde. Sacadas. Je mehr, desto besser.

 

Auf vielen Milongas treffe ich ein Tanzleh­rerpaar. Beide sind sicher leiden­schaftliche Tänzer. Wenn ich ihn beim Tanzen beobachte, dann stelle ich immer wieder fest, wie wenig Raum er braucht. Dafür ist er voll und ganz bei der Sache. Du kannst es förmlich sehen, wie er mit all seinen Sinnen auf seine Tanzpartnerin ausgerichtet ist. Und die Musik gibt ihm dann die Bewegungs­impulse. Ich bin mir absolut sicher, er schert sich kein bisschen um die Zuschauer. Für ihn zählt jetzt nur seine Tanzpartnerin.

 

Genauso bei ihr. Wenn ich das Glück habe, mit ihr zu tanzen, dann geht sie zu allererst einmal in die geschlossene Umarmung. Die presst sich förmlich an mich. Dadurch bekommt sie jede noch so kleine Muskel­zuckung meines Oberkörpers mit. Und das vermutlich bereits bevor ich daraus bewusst einen Führungs­impuls mache. Es wird nicht gesprochen. "Nur" auf den Körper des anderen gelauscht.

 

Und ich bin mir ihrer Gegenwart vollkommen bewusst. Es geht ja auch gar nicht anders. Sie ist ja schon aufgrund ihrer körper­lichen Nähe ein Teil von mir. Wenn dann die Musik einsetzt, dann bin ich auch gar nicht versucht, große Schritte zu gehen oder aufwendige Drehungen. Ich mache kleine Schritte. Und dabei "höre" ich genau auf sie. Auf ihren Körper. Selbst ihre Atmung. Wie reagiert sie auf meine Impulse?

 

In meinen Augen sind das die besten Voraus­set­zungen für "magische Momente". Für "echten" Tango. Es sind bereits alle "Vorberei­tungen" getroffen. Nur sie und ich. Und dann noch die Musik. Jetzt besteht die Möglichkeit, dass die nächsten Minuten etwas ganz besonderes für uns beide werden.

 

Dann tanze ich mit einer neuen Frau. Ich kenne sie noch nicht, sie mich nicht. Ich weiß nicht wie sie tanzt. Ich habe sie einfach aufgefordert. Sie saß schon zu lange auf ihrem Stuhl. Es ist offene Umarmung. Damit "fehlt" ein Stück. Ich kann ihre Reaktionen nur schwerer erkennen. Der Raum zwischen uns bietet sich an für Drehungen, große Schritte. Es ist anders. Die Wahrschein­lichkeit der "Perfektion" im Tanz ist wohl eher gering. Liegt es an der Distanz zwischen uns? Oder daran, dass sie "neu" für mich ist?

 

Ist das der Grund, warum ich immer wieder lese, dass die Tänzer und Tänzerinnen sich erst einmal gegenseitig "abchecken" ohne überhaupt miteinander zu tanzen? Klären sie dabei ab, ob sie bereit sind, miteinander in diese Nähe zueinander zu gehen? Bisher dachte ich immer, sie tun das, um das Tanzkönnen des anderen zu erkunden. Aber vielleicht hat das doch andere Gründe. Ist das mehr ein "Sympathie-Check"?

 

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