Buenos Aires, Jan. 2012

Maipu 863, Buenos Aires, due

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In diesem Jahr haben wir uns vorgenommen, neue Wege zu gehen, da kommt es uns sehr entgegen, dass neben den den etablierten traditio­nellen Tangosalons, die seit vielen Jahrzehnten bestehen, es dieses Jahr einige Neue Locations gibt, die neu hinzuge­kommen sind.
Gleich am ersten Abend besuchten wir die "Coqueta de Recoleta", wir betraten einen Palast, auf dem Weg in den zweiten Stock hatten wir Einblicke in hochherr­schaftliche Gemächer, den alle Türen standen offen, eine zeitlang während des zweiten Weltkrieges befand sich hier die deutsche Botschaft.
Die Veranstalterin kennen wir vom letzten Jahr, Alicia, eine Amerikanerin, die hier seit einigen Jahren lebt, diese hat uns auch gleich freudig begrüsst , die Veranstaltung ist klein und familier, Alicia kümmert sich um jeden Gast persönlich. Aber zuerst mussten wir ganz leise eintreten, den es begann soeben eine musika­lische Einlage, eine junge Frau spielte Bandoneon, wie sich später heraus­stellte hiess sie Almut - eine Deutsche aus Würzburg!
Dann endlich kam wieder Tanzmusik, aufgelegt von Mario Orlando, einer der berühm­testen DJ's in Bs.As. Mario hat uns auch gleich freudig umarmt, wir fühlten uns schon am ersten Abend willkommen in der Stadt.
Zu meiner grösste Überra­schung war Willy da, und er holte sich auch gleich einen Tanz mit mir. "Mit Willy kann man nicht tanzen" sagen viele, er macht winzige Schritte, die aber jedes Jahr etwas grösser werden, da er inzwischen wohl Unterricht nimmt. Ich finde Willy klasse, er hat ein gutes Gefühl für die Musik und führt sehr subtil. Und dann kamen auch schon weitere Tänzer, alles Argentinier, der eine war mit der Bondoneo­nistin verheiratet, was mich etwas wunderte, da er geschätzte 30 Jahre älter war als sie, aber diese konstel­lation sieht man hier häufig, ein älterer Herr im Herbst seines Lebens liiert mit einer jungen Europäerin, keine Ahnung, was diese jungen Frauen an diesen Senioren finden, zugegeben, diese Herren können vielleicht gut und viel tanzen, aber eine Beziehung beinhaltet doch auch noch andere Aspekte....

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Die Tangowelt ist klein... mein Tänzer war auch schon mal in Nürnberg vor über 10 Jahren auf einem grossen Tangoball mit Showeinlage in Buchenbühl, ich war damals auf derselben Veranstaltung!
Und was machte Klaus? - er machte das, was er sonst auf meinen Veranstal­tungen tut... es herrschte Frauen­über­schuss und Alicia bat ihn, allein­sitzende Damen aufzufordern, also machte er auch hier das Tangotaxi.
Es war ein netter gelungener Auftakt und ich kaufte beim DJ noch 3 neue CD's.

Der zweite Versuch, neue Lokale kennen­zu­lernen wurde jedoch ein Reinfall, am Mittwoch besuchten wir die "Villa Malcolm", diese Lokal gibt es schon länger, aber wir waren noch nie dort. An der Kasse sagte man uns, daß die Veranstaltung erst um 23 Uhr beginnt, also mussten wir noch eine halbe Stunde im angren­zenden Bistro warten. Zu dieser Zeit gehen in Nürnberg die ersten Gäste schon nachhause, um am nächsten Tag ausgeschlafen in die Arbeit zu gehen...
Es warteten noch ein paar andere Gäste, während im Saal noch Unterricht stattfand und wir wagten einen Blick... unglaublich, was wir da sahen...es wurde für europäische Touristen "Tango Nuevo" unterrichtet, mit ausladenden Figuren, die viel Platz auf der Tanzfläche erfordern und in keinem der Salons in Buenos Aires getanzt werden, ausser in ganz wenigen dafür ausgelegten Lokalen, wo meist junges Publikum sicht trifft.
Auch an diesem Abend konnten die Touristen das gelernte nicht prakti­zieren, denn schlag 23 Uhr bildete sich eine lange Schlange vor der Kasse und innerhalb weniger Minuten füllte sich der Saal mit gefühlten 500 Personen und es kamen immer mehr! So einen Andrang habe ich hier in Bs.As. noch nie erlebt.
Am DJ Pult ein ganz junger Kerl, der zu meiner Überra­schung von Anfang an eine ausgezeichnete Musik auflegte, die Tanzfläche war voll, und ich wurde, da ich allein am Tisch sass (Klaus organi­sierte unsere Getränke, da die Bedienungen total überlastet waren!) auch gleich von einem italie­nisch­stämmigen Argentinier aufgefordert, der sehr gut tanzte.
Nichts­des­totrotz gingen wir sehr bald wieder nach Hause, da wir solche Massen­ver­an­stal­tungen nicht mögen, die Musikanlage liess zu wünschen übrig, ein dumpfer hallender Klang und im Vordergrund lautes Gequake von aufgekratzen Tangomiezen... nichts wie raus hier..!

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Unser bisheriger Höhepunkt war jedoch die Veranstaltung gestern Abend.
Wir besuchten das wohl berühmteste Tangolokal "Confiteria Ideal" .

Dies ist das Ziel aller Touristen in Buenos Aires, sozusagen ein MUSS... weswegen wir hier auch abends noch nie um Tanzen waren, aber wir gingen wegen Marcelo Rojas hin, der Donners­tag­abends hier auflegt, wir haben Marcelo in Nürnberg kennen­gelernt, er gab einen DJ Workshop und hatte uns eingeladen, seine Veranstaltung zu besuchen.
Uns wurde ein Tisch in der zweiten Reihe zugewiesen (das ist so üblich, wenn man im Lokal nicht bekannt ist), und wir gingen gleich zum DJ Pult neben der Bar, um Marcelo zu begrüssen, der auch gleich mit ausgestreckten Armen und fröhlichem Lachen uns entgegenkam.
Er fragte gleich, wo wir sitzen und war gar nicht einver­standen mit unserem Platz, bestand darauf, dass wir in die erste Reihe ganz in seiner Nähe umgesetzt werden, der uns übrigens den anderen Tisch zugewiesen hatte war sein Sohn und er stellte uns offiziell bei ihm vor.

Wir waren sehr pünktlich, die Veranstaltung hatte noch nicht begonnen und wir konnten die letzten Sequenzen des Übungsabend für Touristen erleben... und was wir da zu sehen bekamen war unglaublich... grosse europäische Touris­tinnen, die unsicher und mit gekrümmten Rücken von kleinen argenti­nischen älteren Herren mit genervten Gesichts­audruck über die Tanzfläche regelrecht geschoben wurden, die Damen wurden eher "transportiert" als betanzt..!
Zuhause wird dann von den Urlaubs­er­leb­nissen erzählt und dass man im schönsten Tangolokal mit einem "echten Argentinier" getanzt hat, vermutlich wird dann verschwiegen, dass der auserwählte unaktrattiv und genausogut der vermisste Opa aus dem Seniorenheim sein könnte...

Neben den vielen Touristen gab es aber auch einige einhei­mische Argentinier, jedoch ebenso spannend und kurios... zum Beispiel ein Herr im besten Rentenalter, der eine mindestens 20 Jahre älteren Dame begleitete und ihr den ganzen Abend zur Verfügung stand - und diese schätzungsweise 85 jährige lies fast keinen Tanz aus und amüsierte sich prächtig, auch wenn die alten Knochen nicht mehr alles so mitmachten, sie verlangte auch nach spekta­kulären Figuren, wer weiss, wie diese Frau in jungen Jahren wohl getanzt hat...
Nach jeder Tanzrunde wurde wie im Theater Applaus geklatscht, die nichttan­zenden Touristen waren von dem, was sie als "Tango" kennen­lernten, beeindruckt.
Ich suchte nach potentiellen Tanzpartnern für mich und es waren insgesamt nur 4 Herren da, die dafür in Frage kamen, der eine saß am Nebentisch und ich hatte letztes Jahr im Club Gricel mal mit ihm getanzt, als er uns erkannte, wurde sofort mit dem Weinglas nachträglich zum neuen Jahr geprostet.
Sein Kumpel neben ihm war auch ein echter Tanguero und für mich der beste Tänzer vor Ort.
Die beiden begannen, mich sozusagen um die Wette aufzufordern und die Komplimente wurden von Tanz zu Tanz immer doller, manches habe ich nicht verstanden, aber die beglückten Gesichter der Herren erübrigten jeder Übersetzung.

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An der Stirnseite des Saales saß eine deutsche Reisegruppe, es waren die,die am lautesten applau­dierten und Kameras zum filmen in die Luft hielten... Marcelo meinte, dass wir uns bestimmt über den Kontakt mit den Landsleuten freuen würden und stellte mich Ihnen vor. Sie konnten gar nicht glauben, dass ich eine Deutsche bin und fragten mich, wie lange ich schon in Buenos Aires leben würde.
Später fragten mich diese, ob ich den Kontakt zum Besitzer dieses Ambiente herstellen könnte, unter Ihnen war ein Marketing­spe­zi­allist, der so begeistert über das Lokal war und unbedingt und kostenlos sein Marketing­konzept anbieten wollte, wie man den Glanz und Erfolg des Ortes noch steigern könnte.

Zwischendurch wurde Rock und Salsa aufgelegt und jeder bediente die Musik, da kamen wahre Tanztalente zum Vorschein.
Und dann kam noch ein kleines Unterhal­tungs­programm, das den Eintritt von 35 Pesos p.P. mehr als entschädigte: ein excellenter Tangosänger, der mit Herzblut sang und Gänsehaut erzeugte, wir fühlten uns wie in dem Film "Der letzte Applaus", die Stimmung war am Höhepunkt angelangt.

Klaus hat auch geeignete Tanzpart­ne­rinnen gefunden, zum einen eine Amerikanerin und dann eine Argenti­nierin, die recht gut tanzte, diese habe ich nach einer ihrerT­anz­runden mit Klaus auf der Toilette getroffen, als sie sich am Waschbecken kopfüber den Nacken mit kalten Wasser erfrischte... sie sagte zu mir, das Ihr das schon lange nicht mehr passiert sei, so geschwitzt zu haben... (war das ein Kompliment an Klaus oder etwa nicht..???)

Etwas abseits sass ein Herr, Typ Tangolehrer auf Arbeitssuche, immer im selben schwarzem Anzug mit viel zu eng sitzendem Jakett, Krawatte und Gel im Haar... den hatte ich letztes Jahr schon mal tagsüber dort gesehen, Turco hatte damals übel über diesen Kollegen hergezogen....er versuchte, Kontakt zu mir aufzunehmen und ich vermied es, in seine Richtung zu schauen, dann änderte er seine Strategie und setzte sich zu den Kumpels an meinem Nebentisch dazu, seine Neugier mit mir zu tanzen wurde immer grösser je mehr ich mich ihm verschliess. Und ganz am Ende des Abends wurde seine Geduld doch belohnt, es kam die Musik von Pugliese, die auch gerne zu Tangoshows gewählt wird. In dem Augenblick, als ich anfing mein Gesicht ihm zuzuwenden stand er noch bevor mein Blick in erreicht hatte in sekunden­schnelle auf und gab mir auch keine Möglichkeit zu einer Absage, er fragte nämlich nicht mich, sondern Klaus, ob er mit der Senora tanzen dürfte. Es stellte sich heraus, dass er wirklich gut tanzen konnte, er war profes­sionell ausgebildet und wir hatten unseren "Auftritt":

Der Nachhauseweg war klasse... genauso stelle ich mir das Ende eines netten Tanzabends vor: im eleganten Kleid und Badeschlappen (es hatte nachts noch 26 Grad!) ...zu Fuß ein paar Blöcke nach Hause zu laufen, mit uns 2 etwa gleich­altrigen netten Argenti­nie­rinnen, die denselben Heimweg hatten und wir unterhielten uns so selbst­ver­ständlich, als ob wir uns schon länger kannten, sie fragten, wo wir den Rest der Woche so hingehen, dann zum Abschied ein Küsschen.

Ich werde oft gefragt, ob ich nichts besseres zu tun hätte, als die wertvolle Zeit in meinem Urlaub mit Reisebe­richten zu verbringen... das frage ich mich selbst manchmal auch, gerade nach so einem langen "Roman"... aber die Antwort ist ganz einfach: Dies alles aufzuschreiben dient mir, alles Erlebte zu verarbeiten und zuhause dann auch wie ein nachträg­liches Tagebuch, ich freu mich, die Zuhause­ge­bliebenen teilzuhaben und die vielen positiven Rückmel­dungen motivieren mich weiter­zu­schreiben. (Wer - auch verständ­li­cherweise - keine Berichte mehr haben will... bitte löschen oder Info an mich, danke).

Herzliche Grüße aus dem wunderbaren Buenos Aires,
Claudia & Klaus

akteller Veranstal­tungs­ka­lender in Bs.As.:
http://www.milmilongas.com/index.php

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